La Petite Dernière – Die Jüngste
Hafsia Herzi bringt die Autobiografie von Fatima Daas auf die Leinwand und setzt dabei auf Sensibilität und Wahrheit. Die Hauptdarstellerin Nadia Melliti gilt als eine der vielversprechendsten europäischen Schauspielerinnen. Detailreich, schlicht und authentisch regt Herzis Werk das Publikum zum Nachdenken über weibliche Vielfalt an.
von Gabriella Serravalle
Wenn man über „La Petite Dernière“ (Die Jüngste) der Regisseurin Hafsia Herzi spricht, der in Italien von Fandango vertrieben wird, kommt man nicht umhin, die fragwürdige Entscheidung der Kommission des Kulturministeriums zu erwähnen, den Film erst ab 14 Jahren freizugeben. Fandango betonte hierzu: „Diese Zensur zeigt die Rückständigkeit unseres Landes im Umgang mit dem Thema der emotionalen und sexuellen Aufklärung.“
La Petite Dernière: Eine Gefühlsreise zwischen Sexualität und Identität
In ihrer dritten Regiearbeit bringt Hafsia Herzi – selbst eine der meistgeschätzten Schauspielerinnen von Abdellatif Kechiche – den autobiografischen Roman von Fatima Daas auf die Leinwand. Für die Rolle der Fatima wählte sie die Debütantin Nadia Melliti. Ihre schauspielerische Leistung war so überzeugend, dass sie in Cannes als Beste Darstellerin ausgezeichnet wurde.
Nach La Bonne Mère aus dem Jahr 2021 kehrte die Regisseurin damit an die Croisette zurück. Dem französischen Publikum ist sie auch durch ihre Zusammenarbeit mit Abdellatif Kechiche bekannt, von dem sie sich inspirieren lässt – für Couscous mit Fisch gewann sie 2008 bei der Biennale von Venedig den Marcello-Mastroianni-Preis als beste Nachwuchsschauspielerin. Hier liefert sie nun einen intensiven und feinfühligen Film über die weibliche Identität tout court ab.
La Petite Dernière erzählt die Geschichte von Fatima, einer jungen Frau, deren Leben sich in der Nähe von Paris abspielt. Ihre körperliche Hingezogenheit zum eigenen Geschlecht verunsichert sie, da sie in einem Umfeld aufwächst, in dem bestimmte Worte als Beleidigung gelten. So täuscht sie vor, einen Jungen zu lieben, sucht jedoch die Nähe von Frauen.
Fatima, die jüngste von drei Schwestern, die alle darauf vorbereitet werden, „perfekte Ehefrauen“ zu werden, spürt den tiefen Kontrast nicht nur zum patriarchalen Umfeld, sondern auch zu ihrer islamischen Religiosität, in der sie nach Antworten sucht, die nur schwer zu finden sind, während sie zwischen irdischer Liebe und Hingabe vermittelt.
Fatima spielt Fußball und ist das Nesthäkchen einer algerischen Einwandererfamilie in Clichy-sous-Bois, einer multiethnischen und widersprüchlichen Pariser Banlieue.
In ihrem letzten Schuljahr vor dem Studium setzt sie sich mit ihrer homosexuellen Orientierung auseinander, wobei sie fest mit ihrem muslimischen Glauben verwurzelt bleibt und sich der tief sitzenden soziopolitischen und kulturellen Traditionen der islamischen Gemeinschaft bewusst ist.
Als Fatima ihre eng verbundene Familie in der Vorstadt verlässt, um in Paris Philosophie zu studieren, gerät sie in das Spannungsfeld zwischen ihrer religiösen Erziehung und der Freiheit des städtischen Studentenlebens.
Es gibt einen emblematischen Satz, der die von der Regisseurin angedeuteten Denkweisen zusammenfasst: „Der Instinkt der Frauen ist es, Männer anzuziehen.“ Gänsehautmoment! Es sind die entsetzlichen Worte eines Imams, an den sich Fatima wendet. Er spricht über sie in der dritten Person und gibt Ratschläge, ohne dass sie jedoch den brennenden inneren Aufruhr offenbart, der in göttlichen Augen als Sünde und Gräuel gilt.
Inspiriert von der gleichnamigen Autobiografie von Fatima Daas, folgt der Film, den die französisch-tunesische Schauspielerin und Regisseurin Hafsia Herzi geschrieben und inszeniert hat, Lebensfragmenten der Protagonistin und setzt dabei ganz auf das natürliche und ausdrucksstarke Talent der Neuentdeckung Nadia Melliti.
Fazit
„La Petite Dernière“ von Hafsia Herzi ist ein Film der Gefühle, des Schweigens, der Blicke und der großen Themen. Die Entwicklung und das Erlangen des Identitätsbewusstseins finden durch die Entdeckung der eigenen Sexualität statt und berühren dabei stets den religiösen und familiären Kontext.
Kommentare
Noch keine Kommentare. Sei der Erste, der kommentiert!